MOBBING
BULLYING; WHISTLEBLOWING
Die Mobbingforschung:
Beispiel einer unwissenschaftlichen Kritik
© Heinz Leymann - 11452d
Sprachkontrolle: Horst Kasper
Die Kritik des Mobbingkonzeptes gerade in Deutschland ist meistens wenig wissenschaftlich unterbaut. Neubergers Buch (1994) zeigt dieses deutlich auf (Leymann, 1995a).
Ein Buch ist immer ernster zu nehmen als ein Zeitschriftenartikel. Ein Buch lebt länger. Neubergers Buch streut Desinformationen. Besonders junge Wissenschaftler sollten sich von Kritikern wie Neuberger nicht den Mut nehmen lassen, sich in dieses Forschungsgebiet hineinzuarbeiten. Als Wissenschaftler sollte man auch untersuchen, wie gewisse wissenschaftliche Literatur zustande gekommen ist, ehe man sich entschließt, sich von ihr beeinflussen zu lassen. Somit muß sehr deutlich unterstrichen werden, was das für Literatur ist, die über Mobbing publiziert wurde und in Deutschland in den Jahren ab 1993 erschienen ist. Mit wenigen Ausnahmen wurde sie von Verlagen initiiert, die, angeregt von meiner auflagehohen Publikation bei Rowohlt (1993b), am Markt mitmischen wollten. Mit der Ausnahme von Resch (1994) und Niedl (1995a,b) sind sämtliche Bücher, die 1993 bis 1995 publiziert wurden, von Autoren geschrieben worden, die keinerlei eigene Erfahrungen mit Mobbingopfern hatten. Die Situation ab 1996 habe ich nicht überprüfen können.
Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die bisherige Mobbingforschung kritisch betrachtet werden muß. Es ist auch selbstverständlich, dass sehr viel über weitere Forschung verbessert werden kann. Zapf et al. (1996b) ist hier als gutes Beispiel zu nennen. Es muss sich um Wissenschaft handeln. Neubergers Buch ist aber kein wissenschaftliches Buch. Damit junge Forscher diese Machenschaften erkennen können, müssen Unwissenschaftlichkeiten aufgegriffen werden. Hier werden Neubergers (1994) Ansichten über das Rowohlt-Buch (Leymann, 1993b) unter folgenden Stichworten erörtert: (1) Quellenkontrolle, (2) Theoriewahl, (3) Fallverfälschungen, (4) Gesetzlosigkeit.
1. Quellenkontrolle: Neuberger zitiert in seinem Buch, das er als wissenschaftlich unterbaut vorführt, aus Quellen, die gelinde gesagt, merkwürdig sind. Er nimmt offenbar an, dass alle Leute, die etwas über Mobbing geschrieben haben, auch etwas davon verstehen: Er liest Bücher von Trittbrettfahrern und jedwede Zeitungsnotiz als ob sie Tatsachen berichteten. Damit bringt er vieles durcheinander. Auf S. 52 stellt er über die Trittbrettfahrer fest: "Vermutlich sind viele der eben referierten Vorschläge praxisbewährt." Nein, sie sind es eben nicht. Es sind Phantasiegebilde. Auf S. 8 liest er in einem Zeitungsartikel, ich hätte den Begriff Mobbing bei Selma Lagerlöf gelesen. Das stimmt gar nicht. Auf S. 48 weiß er, dass es Rollenspielmaterial in Schweden gibt. So etwas gibt es nicht, dagegen gibt es einen Videofilm mit authentischen Falldarstellungen. Auf S. 47 zitiert er wieder eine Zeitung, in der behauptet wird, in einer amerikanischen Untersuchung habe man gefunden, dass 20% aller Suizide in der Folge von Psychoterror bei der Arbeit begangen werden. Es gibt keine solche Untersuchung in den USA. Es gibt dort überhaupt keine einzige Mobbing-Untersuchung in der Art, in der der Begriff in Skandinavien entwickelt wurde.
Meine Behindertenuntersuchung zitiert er auf S. 71 und täuscht dabei vor, die Daten würden Behinderte per se beschreiben. Neuberger reißt hier eine Nachricht aus ihrem Zusammenhang, ihrem Kontext, weil die so verfälschte Tatsache besser in seine Argumentation passt. In Wahrheit handelt es sich um eine Behindertenuntersuchung in einer ganz bestimmten Betriebsform, deren organisatorische Vorgaben erst dieses Mobbing hervorrufen! Nicht Behinderte an sich, sondern Behinderte in dieser Betriebsform werden fünfmal so oft gemobbt wie ihre Kollegen dort.
Neuberger zitiert aus den Büchern der Trittbrettfahrer. Dabei wendet er die Technik an, Itemlisten, die dort abgedruckt sind und die diese Autoren aus meinem Rowohltbuch in grob vereinfachender Weise abgeschrieben haben, mit meinen im selben Rowohltbuch zu vergleichen!
Auf S. 39 wirft er mir vor, in meiner Querschnittuntersuchung seien "die Befragten nicht auf einen Bezugszeitraum (konkret: "dieses Jahr") festgelegt worden". Genau das wurde getan. Die Frage lautete nämlich, ob der/die Befragte in den vergangenen zwölf Monaten von einer oder mehreren der Handlungen betroffen war. Um mir schlechte wissenschaftliche Arbeit vorwerfen zu können, behauptet er, es gebe bei mir keine Information über die Repräsentativität der Population. Um meine Unwissenschaftlichkeit zu "beweisen", führt er eine österreichische Untersuchung an, die nur 30% Rücklauf hatte. Nun, mein Originalrapport geht auf die Fragen der Repräsentativität sehr genau ein, weil es sich um eine echte Querschnittsstudie handelt!
Die Zitattechnik des Herrn Neuberger lässt sehr viel zu wünschen übrig. Schon seine Fehler hier sollten dazu führen, sein Buch nur mit Vorsicht zu genießen. Jedenfalls darf man aus ihm nicht zitieren, denn man weiß nicht, was richtig und was falsch verstanden wurde - von den bewussten Verfälschungen ganz zu schweigen. Die Bücher anderer Trittbrettfahrer sind gleichartig fehlerhaft in ihrer Berichterstattung. Ist dies die Art des Herrn Neuberger zu arbeiten, dann ist sicher den Betrieben zu gratulieren, die ihn als Berater nutzen!
2. Theoriewahl: Auch hier bringt Neuberger sehr vieles durcheinander und interpretiert vieles falsch. Er verirrt sich auf S. 62 im Walde der Theorien: Unter dem Namen "Stressforschung" (der Medizin zugehörig) zählt er Bewältigungsstrategien auf, die er der sozialpsychologischen Copingtheorie entliehen hat. Auf Seite 58 interpretiert er aus einem Übersetzungsfehler heraus die Stresstheorie des stressmedizinisch orientierten Amerikaners Lazarus: Der Mensch, der in einem Gefahrenmoment Stresshormone ausschüttet, hat nicht "geprüft, ob Möglichkeiten von Schädigung oder Verlust" vorliegen, wie Neuberger behauptet. Lazarus spricht von "first appraisal", was bei ihm auf einen vollkommen unbewussten blitzschnellen Prozess anspielt.
Er wirft mir Theorielosigkeit vor und zitiert dann eine Reihe von Schriften, die nichts mit Theorien zu tun haben, sondern selbst nur die Meinungen ihrer Autoren darstellen (S. 39, 55, 59, etc). Der Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Meinung oder Theoremen und einer Theorie wird in den Wissenschaftstheorien sehr ausführlich diskutiert. Vieles was im täglichen Sprachgebrauch als "Organisationstheorien" oder "Konflikttheorien" beschrieben wird, ist nichts weiteres als ein empirischer Befund, der in der Form von Theoremen (d. h. Ideen, die für glaubhaft gelten) dargestellt werden. Das Mobbingkonzept ist keine Theorie, sondern besteht aus einer Reihe von Theoremen.
Auf S. 56 behauptet er, Mobbing sei eine antrainierte Eigenschaft, die aus den Vorgaben des Kapitalismus zu erklären ist. Mir sind tatsächlich viele Mobbingfälle aus ehemaligen kommunistischen Staaten bekannt. Mobbingverläufe, die man jetzt z. B. in Rußland studieren kann, werden von Personen ausgelöst, die ihr Leben lang keine kapitalistische, sondern nur eine kommunistische Erziehung und Sozialisierung genossen hatten.
Auf S. 64 will er unter dem Titel "gruppendynamische Interpretation" Mobbing aus einer Evolutionsgeschichte heraus erklären. In diesem Zusammenhang erdichtet Neuberger ein Szenario aus archaischer Zeit (Jäger gehen auf Beutejagd und eliminieren dabei schwächere Mitglieder ihrer Gruppe oder diejenigen, die den Zusammenhalt der Gruppe bedrohen). Frühgeschichtlich gesehen, ist diese sozialdarwinistische Form der Eliminierung aus der Forschung über archaische soziale Bindungen nun ganz und gar nicht glaubhaft. Neuere Forschung zeigt (Nougier, 1984), dass anzunehmen ist, dass schwache Gruppenmitglieder im Gegenteil von der Gruppe solidarisch gestützt wurden. Aber Neubergers Sinn ist von unserer westlichen Welt des Konkurrierens geprägt und er hängt darum leichtfertig ethnozentrischen Gedankengängen nach. Er gleitet hier in einen Sozialdarwinismus übelster Sorte ab. Es ist einfach nicht zu verstehen, was dieser sogenannte "Theoriendurchgang" bezwecken soll. Auch seine Moritaten auf dieser Seite über die Ellenbogengesellschaft, in der es heißt, ãhart wie Kruppstahl" zu sein, geben einen sehr schlechten geschichtlichen Nachgeschmack ab.
3. Verfälschungen von Fallberichten: Eine sehr üble Technik wendet Neuberger an, um den authentischen Fallbeschreibungen und -analysen alternative Deutungen geben zu können. Auf S. 28 täuscht er ein Interview mit der Chefin eines Betroffenen in einem meiner echten Fallbeispiele vor, das nie stattgefunden hat. Er legt dieser Pseudochefin Aussagen in den Mund über das Verhalten des Opfers, um von dieser Fälschung her dann eine Gegenargumentation führen zu können. Dieses scheußliche und betrügerische Verfahren wendet er mehrmals an.
Den Fall Lena aus meinem ersten Rowohltbuch nimmt er sich auf S. 101 besonders vor. In seiner verfälschten Gegendarstellung brüht Neuberger dann sehr schlimme Vorurteile über Arbeiter im allgemeinen und Frauen im besonderen auf. Seine Technik ist erschreckend. Aus der authentischen Tatsache, dass Lena aufgefordert wird, in der Küche Kartoffeln zu schälen, weil dort beim Küchenpersonal zwei Frauen krank sind, erfindet Neuberger einen "Küchendienst, den bisher die Männer machen mussten", aber der nun, da eine weibliche Arbeiterin angestellt wird, dieser aufgetragen wird. Er behauptet - und man verwundert sich über seine Ansichten über Frauen - (Kommentare in Klammern sind meine) "Lena erlebt die ´Erniedrigung´ nicht als Aufforderung, sich in der Gruppenhierarchie (der Männer) hochzudienern, sondern interpretiert sie als Geschlechtsdiskriminierung: Weil sie eine Frau ist, muß sie in die Küche." Der Werkmeister gab ihr nicht das Kartoffelschälen aus den Gründen, die im authentischen Fall vorlagen, nein, "dies war ein erster Test, ihre Randposition auszubauen".
Er behauptet rundweg, Lena sei mit ihren Problemen zur Gewerkschaftszeitung gegangen. Authentisch ist, dass die Gewerkschaftsjournalistin breit über Frauen in typischen Männerberufen berichten wollte und dass sie dabei aus eigener Initiative auf den Fall Lena gestoßen war.
Auf S. 106 gibt Neuberger Ratschläge, die sicher die deutschen Feministinnen interessieren werden: "Als Neuling keine großen Ansprüche (an die Männergruppe) stellen, sich langsam hochdienern". - "Immer daran denken, dass eine Frau in einem Männerberuf (...) ein Fremdkörper ist. Frauen sind wie Frauen zu behandeln". - "Nicht jammern, weinen, krank werden, sondern sich durchbeißen, sich nichts anmerken lassen". - "Männliche Besitzstände sind zu wahren! z. B. keine erniedrigenden Küchenarbeiten, solange Frauen dafür verfügbar sind!". - "Die Männergruppe ist geschlossen und einig im Vorhaben, Lena eine Lektion zu erteilen (woher weiß Neuberger dieses eigentlich?!). Dieser Zusammenhalt erlaubt keine Abspringer, die Lena auf ihre Seite ziehen könnte". - "Der Meister gewinnt (durch das Mobben und der Ausgrenzung von Lena) eine homogene Mannschaft (...) und eine neue voll belastbare Arbeitskraft". - "Es muss abgewehrt werden, dass sich Meister und Gruppe unfair gegenüber der Frau verhalten und sie in die Krankheit getrieben haben; sie haben (sich) eine Lernchance vergeben, Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit weiblichen Fachkräften zu machen ...". - "Lenas Fall muss herhalten als Warnung für Frauen, die ihre Grenzen nicht kennen ...".
4. Gesetzlosigkeit: Wie kann es zu solchen Beurteilungen und Ideen kommen? Eine Antwort ist in der Tatsache zu finden, dass Neuberger in seinem Buch nicht ein einziges Mahl erwähnt, dass es auch in der deutschen Arbeitswelt Arbeitsgesetze gibt, die zu befolgen sind. Mit seiner Vorgehensweise könnte er aus gruppendynamischer Sicht heraus auch den Aufbau und die Verhaltensweise der sizilianischen Maffia erklären - und sie gleichzeitig verschleiern.
Strafbare Handlungen sind strafbar mit oder ohne erklärenden quasiwissenschaftlichen "Kontext". Produktionsstörendes menschliches Verhalten ist ein Aufgabengebiet des Managements. Lerntheorien können sehr gut darauf angewandt werden zu erklären, dass, wenn sich Menschen gesetz- oder absprachemäßig falsch verhalten und dies Verhalten nicht bemängelt wird, auch hier ein Lernvorgang einsetzt, nämlich der, dass das, was man tut, ja doch erlaubt sei.
Neubergers Vorgehen ist sehr dummdreist. Auch er hätte nicht von der Tatsache absehen sollen, dass es in Schweden, Norwegen, Finnland und Deutschland heute an die achthundert sorgfältig durchgeführte Fallbeschreibungen gibt.
Neubergers Ansichten über Frauen sind einzigartig. Es kann natürlich so sein, dass dies gar nicht seine eigenen Vorurteile über Frauen sind, sondern seine Vorurteile über die Vorurteile seiner Mitmenschen. Ehrlich gefragt: Würde das eigentlich das Urteil über ihn mildern?