MOBBING
BULLYING; WHISTLEBLOWING
Die Mobbingforschung:
Über ihre wissenschaftliche Originalität
© Heinz Leymann - 11440d
Sprachkontrolle: Horst Kasper
Eine etwas flachere Kritik ist dem Konzept zuteil geworden, indem ihm von einigen Kritikern die Originalität abgesprochen wurde. Mobbing bezeichne mit einem neuen Wort so etwas, das schon immer bekannt gewesen wäre. Dem Vorwurf ist zuzustimmen, wenn man "Mobbing" als Synonym für "Konflikt", "Gehässigkeiten unter Kollegen" oder dergleichen sehen will. Auch hier hat es sich in der Diskussion gezeigt, dass die Kritik vorrangig von Personen kommt, die keinerlei Originalliteratur gelesen haben, sondern das Konzept nach dem beurteilen, was sie in der Zeitung darüber gelesen haben. Mit Mobbing wird jedoch etwas anderes gemeint.
Das Mobbingkonzept hat natürlich einen sehr hohen Grad an Originalität. Die Beschreibung des Konzeptes hat auch eine sehr große Begriffsvalidität. Setzt man sich ernsthaft mit dem Konzept auseinander, so hat bisher jeder Psychologe oder Arzt schon von der Beschreibung her eine diagnostische Fähigkeit erworben, die Mobbingpatienten sofort erkennbar zu machen. Die Originalität des Konzeptes liegt somit in seiner Leistung, einen bisher verborgenen Verlauf aufzuzeichnen und ihn transparent und somit greifbar zu machen. Dieses wird tagtäglich auch von Patienten bestätigt, die jahrelang herumgeschickt wurden, abgestempelt wurden, verlacht und verachtet wurden und die schlagartig beim Lesen des Konzeptes eine Katharsis erleben. In hunderten von Briefen, nicht nur an mich, wird immer wieder bestätigt: ãJa, so ist es. Es liest sich Seite für Seite, als ob mein Fall beschrieben wurde."
Das Neue ist nicht, dass jemand behauptet entdeckt zu haben, dass sich Menschen in der Arbeitswelt feindselig bekämpfen. Das Neue ist, die stereotypen Folgen dieses destruktiven Verhaltens Schritt für Schritt über einen Zeitraum von mehreren bis zu vielen Jahren beschrieben zu haben. Der Mobbingvorgang läuft erstaunlich gesetzmäßig ab - auch wenn man Fallbeschreibungen miteinander vergleicht, die aus verschiedenen westlichen Staaten stammen. Das ist damit zu erklären, dass die westlichen Länder ähnliche Gesetze erlassen haben, die für die Arbeitswelt gelten, und dass der Arbeitsverlauf (sei es Produktion, Pflege, Verwaltung oder anderes) in gleichartige organisatorische Formen gegossen ist. Der Mobbingverlauf läuft auf diesen kulturell gleichartigen Schienen ab.
Das Neue ist auch, gezeigt zu haben, unter welchen Vorzeichen und mit welchen Mitteln die Ausgrenzung des Gemobbten vor sich geht und dass auch dieses wieder - wenn man Fälle vergleicht - ein erstaunlich stereotypes Bild abgibt. Neu ist auch die Beschreibung, welche Instanzen der Gesellschaft an diesem Tuch mitweben, und wie sie es tun. Neu ist auch die Entdeckung, dass das Management eigentlich jederzeit die Befugnis und die Mittel in der Hand hat, den Prozeß abzubrechen - auch wenn schon Jahre verflossen sind.
Neu ist auch die minutiöse Beschreibung der Arten von feindlichen Handlungen in der zweiten Phase, sind die Arten der Rechtsverdrehungen und Rechtsübergriffe in der dritten, die Typen von Falschdiagnosen, die in der vierten Phase "geleistet" werden, sowie die Arten der letztlichen Ausgrenzung aus der Arbeitswelt. Neu sind auch die diagnostischen Leitlinien, die für die hier entstehenden psychischen Berufskrankheiten zu gelten haben.