MOBBING
BULLYING; WHISTLEBLOWING
Das Problem der Persönlichkeitstheorien in der Mobbingforschung und Mobbingtherapie
© Heinz Leymann - file 11430d
Sprachkontrolle: Horst Kasper
Die Mobbingforschung gibt den Persönlichkeitstheorien sehr wenig Spielraum, was natürlich Spezialisten dieser Fachrichtung ärgert. Die im Disput am meisten vorgelegte These besagt, dass es sich bei gemobbten Angestellten um Personen handele, die aufgrund ihrer Persönlichkeit oder ihrer Charakterzüge dazu vorbestimmt seien, in Mobbing verwickelt und dessen Opfer zu werden. Selbstverständlich ist es so, dass jeder Mensch eine Persönlichkeit ist mit Schwerpunkten, die ihn oder sie von jedem anderen Menschen unterscheiden. Diese Verschiedenartigkeit kann selbstverständlich auch theoretisch gruppiert werden und zum klinischen Verständnis eines Menschen beitragen. In der Therapie sind Annahmen über so eine Gruppenzugehörigkeit oftmals, wenn auch bei weitem nicht in allen Fällen, hilfreich für das Verständnis des Therapeuten - obwohl solcherlei Versuche, eine ãpsychologische Gruppenzugehörigkeit" zu orten, sich danach eher selten auf die Wahl der Therapiemethode auswirkt.
Es wird in Diskussionen, doch nicht in wissenschaftlichen Schriften, sehr oft kritisiert, dass die Mobbingforschung - wie auch die Forschung über andere Opfergruppen von Katastrophen und Gewalt - die sachlichen Situationen analysiert. Leider wird die Alternative nur sehr undeutlich mit "Persönlichkeitstheorien" angegeben. Kritiker geben also nie an, auf welche Persönlichkeitstheorie man sich beruft. Ich möchte darum behaupten, dass diese Art von Kritik meistens sehr unreflektiert vorgebracht wird und leider allzu oft auf einer zum Vorurteil zusammengeschrumpften Verallgemeinerung der Persönlichkeitstheorien beruht. Man macht somit geltend, dass die Variationen menschlichen Verhaltens nur auf der Art der Persönlichkeit beruhen und kaum auf Variationen der sozialen Situation, in der der Mensch sich befindet. Dies wird besonders in der psychoanalytischen Therorie deutlich.
Diese Ansichten sollten keineswegs nur abgetan werden, denn sie durchtränken die ganze heutige Gesellschaft und können beim Fassen von Beschlüssen über das Schicksal eines Mitmenschen nicht selten zum Verlust der bürgerlichen Rechte führen (Leymann, 1992b). Sie sind auch laufend zu finden in den medizinischen Akten von Mobbingpatienten, die falsch diagnostiziert und somit falsch behandelt worden sind: von Managern, Betriebsräten, Psychologen, Ärzten und Rechtsanwälten. Und gerade hier liegt ein Problem, das von Persönlichkeitstheoretikern kaum angesprochen wird: Wo liegt die Gefahr des Rechtsverlustes bei der Anwendung von Persönlichkeitstheorien in gewissen Situationen?
Die Aussagen der Persönlichkeitstheorien sind problematisch aus verschiedenen Gründen. Wenn diese Gründe hier aufgeführt werden sollen, dann bedeutet das nicht, dass ich diese Theorien ablehne. Im Gegenteil. In unserer Klinik gaben sie oft wichtige Aufschlüsse für die Gestaltung der Therapie des einzelnen Patienten.
Es gibt eine ziemliche Anzahl von Persönlichkeitstheorien. Jede hat ihre eigenen Eigenschaftsbeschreibungen, mit denen man auf verschiedene Arten der Persönlichkeit schließen will. Eine Einigkeit unter diesen verschiedenen Ansätzen ist jedoch nicht zu finden. Jede Theorie misst und deutet auf ihre Weise. Prognostische Aussagen können, streng wissenschaftlich gesehen, schwerlich gemacht werden und somit kann man für die einzelne Person auch nicht voraussagen, wie sie sich in einer bestimmten Situation der Zukunft verhalten wird. Längsschnittstudien dieser Art, die Menschen mit verschiedenen Persönlichkeitsdiagnosen über längere Zeit untersuchen, gibt es nicht. Dagegen gibt es psychiatrische Längsschnittstudien, die zeigen, dass Kindheitsprägungen kaum, Situationstypen aber dagegen sehr gut für eine psychiatrische Prognose des Verhaltens anzuwenden sind. In den psychiatrischen Lehrbüchern wird somit auch immer wieder davor gewarnt, Varianten der Persönlichkeit überhaupt einzeldiagnostisch auf Patienten anzuwenden (z. B. Schneider, 1950; oder Huber et al., 1979).
Ein anderes Problem stellen Häufigkeitsaussagen dar. Kliniker ziehen allzu oft generelle Schlüsse aus den Patientenzusammensetzungen in ihren Sprechstunden. Ein kurzes Beispiel: Gesetzt den Fall, ich sehe in meiner Patientenstatistik, dass 40% der Mobbingopfer dem Persönlichkeitstyp X angehören und 25% dem Typ Y. Die restlichen 35% verteilen sich ziemlich gleichmäßig auf acht weitere Typen. Kann ich nun behaupten, dass der Typ X anfällig für Mobbing ist (nehmen wir an, meine Patientenauswahl spiegelt die demographische Verteilung in einem für unsere Debatte interessanten geographischen Gebiet wieder)? Natürlich kann ich dieses nicht behaupten, denn für keine Persönlichkeitstheorie gibt es querschnittliche Bevölkerungsuntersuchungen, wenn wir von sehr begrenzten Vergleichen absehen (z. B. männliche Studenten der Architektur verglichen in Stockholm und Mailand). Stelle man sich vor, diese Untersuchung würde endlich einmal durchgeführt, und es zeige sich, dass Typ X mit der Häufigkeit von 61% in der Bevölkerung zu finden ist und Typ Y zu 12%: In diesem angenommenen Falle sind meine X-Patienten unter- und meine Y-Patienten überrepräsentiert. Somit würde sich herausstellen, dass der Persönlichkeitstyp Y besonders anfällig für Mobbing wäre. In der Diskussion besonders zwischen Klinikern der Psychologie und der Psychiatrie wird von solchen wissenschaftlichen Forderungen der Aussage jedoch kaum Notiz genommen - von weniger Ausgebildeten in diesen Fächern ganz zu schweigen. Somit werden sehr oft Aussagen gemacht, die wissenschaftlich ganz und gar nicht abgesichert sind.
Ein weiteres Problem mit den Persönlichkeitstheorien ergibt sich besonders für die über Mobbing aktuell gewordenen Patientengruppen. Wenn ein Mobbingverlauf offiziell aufgenommen wird (z. B.: der Arbeitgeber schreitet ein, oder der/die Betroffene geht zum Arzt), dann ist meistens weit mehr als ein Jahr vergangen. Die schwedischen Untersuchungen zeigen den Zeitraum um zwei Jahre herum auf. Nach dieser Belastungszeit und den PTSD-Theorien der Psychiatrie zufolge hat sich für die schwereren Fälle schon eine Chronifizierung der PTSD-Erkrankung herausgebildet, die schon langsam von einer Veränderung der Persönlichkeit des Opfers begleitet wird. Wenn nun Mobbingverläufe zu beweisbaren Veränderungen in der Persönlichkeit führen, wie will man dann für diese schweren Fälle (und es sind ja gerade diese, die immer wieder aus der Sicht der Persönlichkeitstheorien diskutiert werden!) nachweisen, dass gerade ihre Persönlichkeit die Schuld am Geschehen hat? Es gibt in der diagnostischen Psychologie kein seriöses diagnostisches Verfahren, das die Möglichkeit bietet, bei einem Patienten, der über eine psychiatrische Belastung oder Erkrankung eine Persönlichkeitsveränderung erlitten hat, die vorangegangene Persönlichkeit zu orten.
Als weiteres Problem gelten psychologische Gutachten, die routinemäßig Patienten irgendwelche Persönlichkeitseigenschaften bestätigen. Diese können z. B. bei Krankenkassen sehr leicht den Eindruck erwecken, dass der Patient es sich selbst zuzuschreiben hat, wenn er in seinem Leben Probleme bekommt. Dies hat in Ländern, wo auch psychische Erkrankungen als Berufskrankheiten anerkannt werden können, zu Rechtsverlusten geführt. Denn ist es so, daß ein narzisstisch veranlagter Mensch (so die Behauptung des diagnostizierenden Psychologen) in einem Mobbingverlauf landet, der ihn letztendlich krank macht, dann liegt auch oft das Risiko vor, dass die Berufskrankheit nicht anerkannt wird. Es muss auch unterstrichen werden, dass Diagnosen dieser Art sehr leichtsinnig vergeben werden, trotz der Warnungen in den psychiatrichen Lehrbüchern (z. B. Schneider, 1950).
Aus diesen Gründen wird davon abgeraten, Mobbingpatienten aus Sicht dieser Theorien zu begutachten. Dagegen wäre eine statistisch seriöse und gut abgesicherte Forschung, die nicht nur von validen, sondern auch reliablen Fragebögen ausgeht und epidemiologische Vergleichsdaten zur Verfügung hat, sehr zu begrüßen.
Einige Worte sollten über die Schwierigkeiten der Psychoanalytiker gesagt werden, sich mit diesem Konzept vertraut zu machen. Es ist ganz selbstverständlich, dass es auch hier die verschiedensten Weisen einer Bewertung gibt. Dennoch soll darauf hingewiesen werden, dass es die Psychoanalyse als Theoriengebilde generell schwer hat, sich mit Ansichten zu befreunden, die die Ursachen menschlicher psychischer Reaktionen in der Wirksamkeit sozialer Verhältnisse suchen. Aus den Perspektiven der Psychoanalyse hängt das Verhalten eines Menschen a priori mit dessen psychogenetischer Entwicklung in den frühen Kindesjahren zusammen, in denen sich die Persönlichkeit unter dem Einfluss der Eltern bildete. Der orthodoxen Sichtweise nach kann einem Menschen auch nie ein Trauma widerfahren, wenn bei diesem Menschen nicht von einem Kindheitstrauma im Hintergrund ausgegangen werden kann. Schon Freud hatte mit dem massenweisen Auftreten von Kriegsneurosen im ersten Weltkrieg Schwierigkeiten, die dann auch, gesetzesgemäß aus seiner Theorie heraus, wieder bei New Yorker Analytikern auftraten, als sie das massenweise Auftreten des KZ-Syndromes bei Überlebenden erklären sollten. Als Ursachen nahm man damals spezielle Erziehungssituationen in den jüdischen Familien an (eine Darstellung dieser beschämenden Debatte findet man in Leymann, 1989).
Eine letzte Feststellung, die zum Nachdenken anregen sollte: Fragen nach der Persönlichkeit wurden mir während meiner zwanzigjährigen Forschung mit dem Mobbingkonzept ausschließlich im Hinblick auf die Mobbingopfer gestellt. Nie war der Frager an der Persönlichkeit des/der Täter interessiert! Mir ist es deswegen offenbar, dass die Psychologie gelegentlich auch die Funktion in unseren westlichen Gesellschaften haben kann, deren hierarchische Ordnung abzustützen auf Kosten ihrer Mitbürger. Dies wird sehr gut in der Attributionspsychologie beschrieben.