Einer der Vorwürfe kritisiert, dass die Mobbingforschung das Geschehen
nicht mit diesen Theorien zu erklären sucht. Das Problem dieser
Forschungsrichtung ist jedoch nach wie vor, dass sie sich zu sehr von zufälligen
Gruppenarrangements, Studentengruppen, geschichts- oder aufgabenlosen Gruppen
oder Gruppen mit künstlichen, spielerischen Aufgaben abhängig
gemacht hat. Die gruppendynamischen "Gesetze", die diese Forschung seit
den 50er Jahren auf den Tisch gelegt hat, sind nur sehr bedingt für
Gruppen in der Arbeitswelt anzuwenden. Für Gruppen, die für organisierte
Produktion gebildet werden, mit den hohen professionellen und disziplinären
Ansprüchen, die an sie seitens einer straffen Hierarchie gestellt
werden, gelten Theorien der Kleingruppenforschung sehr viel seltener. Sie
gelten eigentlich nur, wenn das Management abgetreten ist, indem es unterlassen
hat, auf destruktive Kommunikations- und Verhaltensmuster in Arbeitsgruppen
zu reagieren und indem es schweigend Verluste an Effektivität und
Effizienz der Produktion in Kauf nimmt. Das, was sich in Gruppen in "freier
Wildbahn" (also ohne verhaltensdirigierendes Management) an gruppendynamischen
Verläufen abspielt, sind Verhaltensformen, die - und das ist gerade
eine der Führungsaufgaben des Managements - eigentlich in produktionsunterstützende
Formen zu leiten wären. Die Resultate der Kleingruppenforschung sind
für Arbeitsgruppen nur dann relevant, und ausschließlich
nur, wenn das Management nicht seinen eigentlichen Führungsaufgaben
nachgeht. Erst dann, wenn sich das Gruppenverhalten frei von Managementeinflüssen
"dynamisch entwickeln" kann, gelten einige Thesen der Kleingruppenforschung.
Das spontane Entstehen von Rollen, was in der Kleingruppenforschung
einen wichtigen Stellenwert hat, ist eigentlich gar nichts "Gruppendynamisches"
in der Arbeitswelt. Im Gegenteil! Es ist eine der Organisationsaufgaben
des Managements, Berufsrollen zu gestalten, z. B. über das Delegieren
von Aufträgen an die Belegschaft. Verhaltensformen in der Gruppe sind
vom Management zu beeinflussende Verhaltensformen, und zwar in Richtung
auf wirtschaftliche Produktion (oder Verwaltung, Unterricht, Pflege, etc.).
Das Problem in den Betrieben, in denen in Arbeitsgruppen gemobbt wird,
ist ganz und gar nicht, diese Verläufe aus gruppendynamischer Sicht
zu analysieren, um über Training dann die "richtige" Dynamik zu finden.
Ausgehend von den organisatorischen Problemen der Betriebe, sind es wichtigere
Maßnahmen, solche organisatorischen Zustände zu
schaffen, die ein gutes Einvernehmen zwischen Kollegen stärken. Und
dies ist die wichtigste Aufgabe eines Managements. Momente, die hier wichtig
sind, sind Betriebsabsprachen und Personalpolitik.
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