Klagt der Patient z. B. über feuchte Hände, zitternde Knie, ausgeprägte Trockenheit in der Mundhöhle, schnelles Herzschlagen und Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, dann könnte eine Frage des Arztes sein, ob der Patient sich nicht kürzlich so tief erschrocken hat, daß man von einem psychischen Schock sprechen könnte (wohlgemerkt: diese Symptome können auch ganz andere Ursachen haben!). Organisch hat der tiefe Schreck (sollte dies nun die Ursache sein) dazu geführt, daß sich der Organismus in einen Alarmzustand versetzt hat. Er hat in unglaublicher schnelle Signalstoffe, Hormone, erzeugt (in unserem Fall u. a. Adrenalin). Diese hormonellen Verläufe haben viele Aufgaben, u. a. die, den Blutstrom zu den großen Muskelgruppen umzudirigieren, um diese schnell mit Energie zu versorgen. Dies ist nötig, um entweder schnell vor einer Gefahr zu fliehen oder die Quelle der Gefahr anzugreifen, um sich zu verteidigen. In der Streßmedizin spricht man von einer "flight-or-fight"-Reaktion ("fliehe oder kämpfe"). Mobbing ist also nicht "Streß", sondern ist eine belastende Situation, ein extremer sozialer Stressor. Somit kann eine Kettenreaktion auftreten: Stressoren können Streß erzeugen, was wiederum Irritationen hervorrufen kann. Der Irritierte verändert nun sein Verhalten. Daraus kann ein neuer sozialer Stressor entstehen, der wiederum Konflikte hervorrufen kann, die dann eskalieren können. Diese Eskalation kann erneut als ein schwerer sozialer Stressor angesehen werden. In der neueren deutschen arbeitspsychologischen Forschung wird dieses Problem sehr erfolgreich mit der Bezeichnung "extremer sozialer Streß" beschrieben (Zapf et al., 1996a, sowie 1996b).
In der deutschen Literatur wird der Begriff Streß aber auch in einer nichtbiologischen Bedeutung angewendet. Das ruft viel Verwirrung hervor. Es gibt nämlich soziologische Literatur, die den biologischen Inhalt dieses Begriffes sogar gänzlich ablehnt. Ich führe diese unnötigen Kontroversen der Arbeitspsychologie und -soziologie auf ein Versagen der deutschen Arbeitsmedizin zurück, die sich auf ihre (international gesehen) eingeschränkte Art immer noch hauptsächlich mit den altherkömmlichen Gebieten wie Toxikologie, Staub, Lärm und Unfall befaßt.